Wir sind dann wohl die Angehörigen von Johannes Scheerer

von Corinna Feierabend                                                                                                                                       Der Hamburger Germanist, Mäzen und Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma wird 1996 vor seinem Haus entführt und 33 Tage an unbekanntem Ort festgehalten. Ein Verbrechen, das sich hierzulande ins kollektive Gedächtnis einbrennt. Die Entführer erpressen ein aberwitzig hohes Lösegeld. Reemtsma kommt mit dem Leben davon.

Das jedoch hält sein einziges Kind, der damals dreizehnjährige Johann, für ausgeschlossen. Er glaubt schon zu Beginn der Geiselnahme nicht, den Vater lebend wiederzusehen. Wir erfahren, dass er diesen selten anders als lesend wahrgenommen hat. Anklage und Wehmut zugleich: „Bücher, Bücher, Bücher. Nichts als Bücher. Für nichts anderes, so schien es mir, interessierte sich mein Vater.“ Der Sohn erinnert sich, obschon etwas genervt, an einen oft wiederholten Satz des Vaters, der im Kontext der Entführung paradox klingt: „`Johann, lass dir gesagt sein: Nimm immer und überallhin ein Buch mit. Dann kann dir nichts passieren. Dann wird dir niemals langweilig werden.´“

In der Konsequenz so rührend wie belastend ist der Vorschlag, den Reemtsma dem geliebten Sohn per Brief aus der Geiselhaft unterbreitet: „Wir beide nehmen uns jeden Tag um 17 h […] die `Chronik des 20. Jahrhunderts´ vor und sehen nach, was von 1900 bis 1995 an diesem Tag (Datum) passiert ist. Das machen wir dann gleichzeitig.“ Johanns schlechtes Gewissen ist in der Folgezeit erdrückend, denn er hält diese tägliche Verabredung mit dem Vater kein einziges Mal ein.

Unterdessen campieren in Reemtsmas Haus in Blankenese Freunde der Familie und polizeiliche „Angehörigenbetreuer“ wie eine WG. Johann geht in diesen vier Wochen kaum zur Schule und leidet unter endlosen Tagen, die für ihn nur aus Warten bestehen. Seine bis vor Kurzem stabile Welt scheint sich immer weiter aufzulösen, als auch noch zwei Lösegeldübergaben scheitern. Johann hört die Musik der „Ärzte“ und macht im Badezimmer Sit-Ups, bis er seinen Körper und sich selbst nicht mehr spürt.

Scheerers autobiografische Schilderung jener unvorstellbar qualvollen Wochen erschien unter der Genrebezeichnung Roman. Es gelingt ihm darin, Duktus und Gedanken seines Selbst als Dreizehnjähriger glaubhaft wiederzugeben. Dank dieser Authentizität ist das Werk ein Glücksgriff. Aber auch als Ergänzung zu dem bereits 1997 von seinem Vater veröffentlichten Bericht über die Geiselhaft „Im Keller“ liefert Scherers Sicht eine selbstbewusste und ebenbürtige Darstellung.

Scheerer, Johann
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492059091
20,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Erinnerungen