Krücke von Peter Härtling

vorgestellt von Corinna Feierabend

Mancher Künstler gelangt frühestens mit dem Ableben zu Popularität. Andere wiederum erhalten erst postum das längst fällige Mehr an öffentlichem und/oder wissenschaftlichem Interesse. Letzteres wünsche ich dem großartigen, kürzlich mit 83 Jahren verstorbenen Peter Härtling, Jugendbuchautor, Lyriker und Verfasser etlicher Romane für Erwachsene.

Während mir die Nachrufe auf ihn noch im Kopf herumgingen, fiel mir in einem Antiquariat Härtlings Jugendroman „Krücke“ von 1986 in die Hände. Gebannt las ich das schmale Buch in einem Rutsch durch.

Es ist Ende 1945 und der zwölfjährige Thomas hat im Nachkriegsgedränge auf einem Bahnhof seine Mutter verloren. Allein schlägt er sich nach Wien durch, wo eine Tante von ihm leben soll, doch er findet deren Haus zerbombt vor. Der verzweifelte Junge irrt herum, übernachtet mal hier, mal da, er hungert, friert und stinkt.

Dann lernt er Krücke kennen und schließt ihn sofort ins Herz. Krücke, der eigentlich Eberhard Wimmer heißt, verdankt den prosaischen Spitznamen seinem an der Front verlorenen Bein. Zunächst sträubt er sich, Thomas bei sich zu behalten. Doch da er ebenfalls einsam und Thomas ein sensibler, smarter Junge ist, bleiben sie zusammen. Thomas findet endlich wieder Halt bei diesem redegewandten Querdenker, der sich mit Schwarzmarktschiebereien über Wasser hält und mit Bronka, einer Jüdin, die er vor Hitlers Schergen versteckt hatte, liiert ist. Bei ihm fühlt Thomas sich sicher und geborgen. Bronka aber bewirkt, dass Krücke – wenn auch schweren Herzens – nach Thomas´ Mutter suchen lässt…

Härtling versucht glücklicherweise kein jugendsprachliches Register zu bedienen, sonst wäre dieser Roman mittlerweile wohl weniger lesenswert. Er erzählt im Gegenteil so präzise wie nötig und so kurz wie möglich. Ohne Sentimentalität, aber mit Empathie reißt er den Leser mit, was folgende Textstelle zeigt, in der Krücke Thomas in einer Vorweihnachtsnacht tröstet: „Schläfst du schon Tom? Eine blöde Frage. Ich weiß ja, dass du wach liegst und an die Decke starrst, die du nicht siehst. Das ist so eine Sache mit Festen. Da kann man an einem Abend, der auch noch Heiliger Abend genannt wird, um ein paar Jahre älter werden, weil man […] sich nach jemandem sehnt, der nicht da ist, den man liebt.“

Ein wichtiger Jugendroman, der keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte, über Krieg und Freundschaft! Zu dieser Ansicht gelangte auch mein zwölfjähriger Sohn. Sein Kommentar: „Fand ich gut. Hab daraus viel Interessantes über die Zeit nach dem Krieg erfahren.“

Härtling, Peter
Beltz, Julius Verlag
ISBN/EAN: 9783407781789
6,95 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Kinderbuch