Alle außer mir von Francesca Melandri

von Rina Schölzel

Entlang des Lebens eines Mannes entfaltet sich die jüngere, fast vergessene Geschichte Italiens: Attilio ist Sohn, Ehemann, Vater, Großvater und schon immer schweigsam. Jetzt ist er fast 100 Jahre alt und seine Tochter entdeckt, welche Rolle er im Faschismus und vor allem im besetzten Äthiopien gespielt hat. Als nämlich plötzlich ihr Neffe, ein junger Äthiopier, vor ihrer Tür steht, beginnt sie zu recherchieren - ihr Vater ist geistig kaum noch in der Lage Antworten zu geben. Sie ist erschüttert und bleibt ungläubig zurück - gegenüber ihrem Vater und ihrem Land. Melandri erzählt sehr flüssig, verwebt Geschichten und Geschehnisse miteinander, dass man staunt, wie geschickt sie diese große Aufgabe bewältigt: Das Erzählen von Taten, die so schlimm waren und die, schon damals, totgeschwiegen wurden. Das Rekonstruieren und Begreiflichmachen eines Krieges, der den Deutschen viele Beispiele der optimierten Tötung an die Hand gab. Der Kern dieses Buches ist Attilio, zu dem alle Geschichten immer wieder zurückkehren. Den man immer besser kennenlert und über den, ich bin mir sicher, jeder Leser sein ganz eigenes Urteil fällen wird am Ende. Und hier liegt das Besondere: Trotz dass man von so vielen Gräueln liest, schwingt keine Schwermut mit. Es ist und bleibt die Geschichte eines Mannes und seines Landes. Diese Geschichte ist schon geschrieben und wird von Melandri widergegeben. Ein umfassendes, wahnsinnig gut geschriebens Buch.

Melandri, Francesca
btb Verlag
ISBN/EAN: 9783442716869
12,00 € (inkl. MwSt.)