Mary Beth Keane: Wenn du mich heute wieder fragen würdest

von Rina Schölzel

Eine Liebesgeschichte, die auf dem Boden bleibt.

Mir gefällt so vieles an dieser Story.

Sie beginnt bei den Vätern der beiden Protagonisten, die sich als junge Polizisten in New York kennenlernen und letztendlich Nachbarn in einer Siedlung außerhalb der Stadt werden. Schonmal ein guter Einstieg. Die Autorin lässt sich Zeit dafür, sodass man die beiden gut kennenlernt. Francis, den Geradlinigen, Großherzigen und Brian, den Energiegeladenen, der sich auf seine Zukunft mit seiner Frau freut. Die beiden gründen Familien, doch während Francis´ wächst und wächst, erleidet Brians Frau erst eine Totgeburt und bringt dann einige Jahre später einen Jungen zur Welt, Peter, der ihr einziges Kind bleiben wird. Fast zeitgleich kommt Francis´ dritte Tochter Kate zur Welt und die beiden Kinder wachsen zusammen auf, werden beste Freunde, unzertrennlich. Mir gefällt, dass es hier um mehr geht, als um zwei Menschen, die sich lieben. Die beiden Familien sind grundverschieden. Während es bei Kate lebhaft und bunt zugeht, lebt Peter in einem stillen Haus. Seine Mutter kämpft mit „Stimmungen“, die keinem Arzt je vorgetragen werden, sein Vater schaut weg und greift zum Whiskey. Nichtsdestoweniger erfährt er Liebe von seinen Eltern und er ist schlau genug, diese als solche zu erkennen. Er wächst zu einem stillen und starken Charakter heran, wohingegen Kate ein Wirbelwind ist, frech und mutig. Mir gefällt, dass nach der Tat, die Peters Mutter nun begeht, die Erzählperspektiven wechseln. Die verliebten Teenager werden voneinander getrennt und bekommen Kontaktverbot auferlegt, Peter zieht weg. Wie geht das Leben für alle weiter? Ich wartete ungeduldig auf heimliche Telefonate, lange Briefe, das geheime Wiedersehen der Beiden. Aber in dieser Geschichte geht es eben um mehr. Gefällt mir. Da ist nunmal Peters Mutter, die jetzt zum ersten Mal psychologisch und medizinisch betreut wird. Francis, dessen Leben fast zerstört wurde und seine Frau Lena, die für ihn kämpft. Brian, der sich und Peter bei seinem Bruder unterbringt und dann ein neues Leben beginnt – ohne seinen Sohn. Natürlich lieben sich Peter und Kate, aber wenn dich das Leben in eine solche Situation wirft, schreibst du nicht als Erstes einen Liebesbrief. Du musst dich arrangieren, lernen, verdauen, entscheiden. Und wenn du das Leben wieder selbst in die Hand nehmen kannst, kann es zum Happy End kommen. Und dann? Mary Beth Keane erzählt auch dann weiter. Und zwar immernoch über alle Menschen, die, ob sie wollen oder nicht, hier miteinander verbunden sind. Eine runde Sache, wie ich finde. Auch, da sie bei knapp 450 Seiten bleibt, die Handlungen also nicht aufbläht und ermüdend werden lässt. Man fliegt nur so durch die Seiten. Zudem erweckt Keane ihre Charaktere zum Leben. Kein oberflächliches Geplänkel, sondern Worte und Taten, die ich diesen Menschen zuordnen könnte, ohne deren Namen zu lesen. Klar gezeichnete Eigenschaften und Verhaltensweisen. Auch das gefällt mir. Ich möchte dieses Buch also vielen Leuten ans Herz legen. Wer einen Schmöker möchte, wer nicht weiß, auf was er gerade Lust hat, wer ein Geschenk für die Bekannte sucht, die man garnicht so gut kennt, wer jemandem eine Freude machen will, wer eine filmreife Geschichte sucht, allen von euch rate ich zu diesem Buch.

Keane, Mary Beth
Julia Eisele Verlags GmbH
ISBN/EAN: 9783961610969
24,00 € (inkl. MwSt.)