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Sensibel von Svenja Flaßpöhler

von Rina Schölzel     Sind wir verzärtelt? Machen wir uns das Leben schwer, indem wir versuchen, auf alle und alles Rücksicht zu nehmen? Bringt uns die Debatte um Gendersternchen und Triggerwarnungen weiter oder lässt sie uns auf der Stelle treten?
Unsere Gesellschaft verändert sich. Svenja Flaßpöhler greift ein Thema auf, welches bei mir direkt einen Nerv getroffen hat. Die Sensibilität, die Empathie, die Werte, die wir als erstrebenswert sehen, fließen im Laufe der Jahrhunderte in immer neuen Wellen, verändert, in unseren Alltag ein. 

Was Johann, ein Ritter im 11. Jahrhundert, der sich in die Hand schnäuzte und in die Zimmerecke pinkelte, war, ist heute Jan, der aus ethischen Gründen kein Fleisch isst und sich für Frauenrechte laut macht. Wo früher die äußere Gewalt zum alltäglichen Leben gehörte, hat sich das heute nach Innen verschoben, hin zu einem ausgeprägten Gewissen und oftmals z.B. Suizid. 

Die Einführung der Guillotine galt und gilt als Meilenstein der Menschlichkeit. Immer mehr Menschenrechte und Rücksichtnahme verbreiteten sich in Europa. 

Man könnte z.B. also davon ausgehen, dass im Laufe der Zeit eine Ausrottung des Bösen in uns begonnen hat. Sigmund Freud jedoch hielt das für falsch, wo doch unser tiefstes Wesen unsere Triebe seien. Diese seien egoistisch und grausam und lediglich die Gesellschaft deklariere etwas als gut oder böse. Die Gefühlsambivalenz, die in jedem von uns steckt, werde nicht anerkannt, sondern abtrainiert, was zu einem reinen, fragilen Kulturgehorsam führe.

Und sind wir also nun in einer Sackgasse angekommen, in der wir uns so unnatürlich wie aktuell erwünscht verhalten, um unseren Platz in der Gesellschaft nicht zu riskieren? Svenja Flaßpöhler führt kurzweilig und klug durch dieses große, interessante Thema. Sie greift Aussagen verschiedener Philosophen auf, sie findet anschauliche Beispiele für jeden ihrer Gedanken. Dieses Buch erzählt von den beiden Seiten derselben Medaille, es stellt die gegensätzlichen Meinungen dar und lässt den Leser völlig wertungsfrei entscheiden, welche in ihm mehr Anklang findet. Für mich ist es eine Anleitung zum objektiven Nachdenken über die Art und Weise, wie wir miteinander leben möchten. Was ist gewichtiger? Das Glück des Einzelnen oder der Fortschritt der Masse? Schließt sich das gegenseitig aus? Und sind wir denn glücklich? Und sind wir auf einem guten Weg? Ein komplexes Thema, zu dem ein sehr gutes Buch entstanden ist. 

 

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783608983357
Kategorie: Sachbuch